Ende der 80er Jahre –
Es läuft der letzte Abend der Filmschänke, einer Veedelskneipe in der Lübecker Straße, Kölner Nordstadt, Nähe Eigelstein, direkt neben dem ehemaligen Pornokino und dem Café Schmitz. Mein lieber Freund und WG-Mitbewohner Heinz hat mich gebeten, mit der Videokamera vorbeizuschauen und den für ihn so wichtigen Moment festzuhalten.
Heinz war für mich fast so etwas wie ein Mentor, hat mich bei meinem Einstieg in Köln sehr unterstützt. Hat für sich KinoKultur in die Nordstadt gebracht, indem er seine ganze Energie und Liebe investierte und mit Freunden das Pornokino zurück in ein Programmkino verwandelte. Ist aus diesem gelebten Traum rausgemobbt worden, hat danach kaum noch sein Zimmer verlassen, hat gelitten wie ein Hund, sich fast aufgegeben und dann, direkt neben “seinem” ehemaligen Kino – also DANEBEN – die Filmschänke für sich entdeckt.
Zusammen mit Annelie hat er dort so lange gesoffen, bis die beiden von dem alten und schon sehr angeschlagenen Pächter-Paar für würdig befunden worden sind, die Filmschänke weiterzuführen.
Nun ist der Abend der Übergabe gekommen. Ich habe mir vorher keine Gedanken darüber gemacht, was mich erwartet, betrete mit der Kamera einen eigenen, isolierten Kosmos, ein Set, das von Pasolini sein könnte.
Niemand weiß, dass ich ein Freund von Heinz und Annelie bin, und zwei ehemalige Schmalfilmer kommen direkt auf mich zu und adoptieren mich für den Abend, stellen meiner Kamera alle Hauptdarsteller vor, die hier seit über 30 Jahren ihren eigenen Film drehen.
Den man mehrmals anschauen muss, bis man begreift, dass das keine Komödie oder ein blasierter Bericht über Subkultur oder Unterschichten ist, sondern ein berührender Liebesfilm ohne Happy End.
In den darauffolgenden Monaten begleitet meine Kamera noch den Umbau der Filmschänke und die Neueröffnung unter dem Namen “Daneben”.
Heinz und Annelies Laden wird nach der Eröffnung für Jahre zum Hotspot der Nordstadt –
am Wochenende mit inoffiziellen Öffnungszeiten bis 5 Uhr morgens.
Musiker, Maler, Dichter, Journalisten, Dirigenten, Fotografen und Moderatoren treffen auf Studenten, Nachtschwärmer und Zaungäste. Alle lieben sie die Mixtapes von Heinz und die beste Crew hinter der Theke. Und die beste Crew liebt mich – weshalb ich für eine limitierte Zeit erlebe, was es bedeutet,
eine Stammkneipe zu haben.
Die Stammgäste der Filmschänke, Protagonisten meiner Aufzeichnung vom Abschiedsabend, haben während des Umbaus immer wieder gefragt, wann denn die Arbeiten abgeschlossen seien, denn sie müssten ja ihr traditionelles Skatturnier planen. Ihr Refugium, ihr Wohnzimmer fehlt ihnen sichtbar.
Sie kommen dann genau ein einziges Mal in das fertige DANEBEN – zur Eröffnung.
Sie sind sogar die Ersten, besetzen und markieren geschlossen als Gruppe die Theke – ihr Revier, ihre Stammkneipe.
Sie erkennen mich, wir unterhalten uns, sie werden nach und nach von den einströmenden anderen Gästen verdeckt und irgendwann unsichtbar. Danach verliert sich ihre Spur.
Heinz und Annelie trennen sich nach ein paar Jahren als Geschäftspartner. Das DANEBEN übernimmt eine ehemalige Freundin von Heinz, ohne dass ich noch einmal hingehe. Als ich irgendwann nach einem Arztbesuch am Eigelstein durch die Lübecker Straße komme, stehen die Räume leer.
Mehr als 20 Jahre nach dem Abschiedsabend der Filmschänke entdecke ich meine Aufzeichnungen auf alten VHS Kassetten und beschließe, daraus einen kurzen Film zu schneiden.
Ich denke an die bewegte und so wichtige Zeit zurück, denke an meinen Freund Heinz, dem ich so viel zu verdanken habe. Und den ich so sehr vermisse.
Für Heinz, für alles, für immer.
Und für Annelie, Nicole, Tom, Biggi, Werner, Ingrid, Eva, Gerd, Manos, Rübe, Georg, Helmut, Thomas, Sabine, Claudia, Michael, Volker, die Schneiderei…


One comment